Esztergom

Glücklich auch ohne viele Berechnungen – Peter Olpe im Interview zum 14. Lochkamera-Fotografietag (2/3)

Peter Olpe

Peter Olpe in einem Pinhole-Selfie.

Hier ist der zweite Teil des Interviews mit Peter Olpe. Lese hier Teil 1.

Es geht in diesem Teil des Interviews um einige technische Aspekte der Lochkamerafotografie. Und um Peter Olpes eigene Kameraproduktion. Weiter geht es also mit meiner Frage:

Als ich meine 4×5-Inch-Lochkamera baute, habe ich überhaupt keine Berechnungen angestellt. Welche Berechnungen empfehlen Sie für beste Resultate?

Es gibt ein Leben als Lochkamerafotograf auch wenn man von den Zusammenhängen Bildweite, Lochgrösse, Schärfe und Belichtungszeit keine blassen Schimmer hat (Bildweite meint der Abstand zwischen Loch und Abbildungsebe). Man macht ein Loch und das Bild passt, egal wie scharf oder unscharf es ist.

Immer wieder hat mich der bescheidene Kenntnisstand berufserfahrener Fotografen überrascht, wenn ich ihnen diese Zusammenhänge näher zu bringen versuchte, in der Meinung, ich würde ihnen damit das Arbeiten einfacher machen. Das Gegenteil war der Fall, die Verwirrung wurde immer grösser, je mehr ich ihnen erzählte. Man wird also nicht unbedingt glücklicher, je mehr man mit der Wellenoptik und dem Schwarzschildeffekt vertraut ist.

Bei der Herstellung der Öffnung ist darauf zu achten, dass das Material extrem dünn und das Loch perfekt rund ist.
Es gibt eine Formel, mit der man die optimale Öffnungsgrösse bestimmen kann, um die beste Auflösung (Schärfe) zu erreichen und eine weitere Formel, mit der die Lichtstärke eruiert wird. Sie lautet (nach Daniel Schoeneck dipl ing. ETH): nehme die Bildweite in Millimeter und ziehe die Quadratwurzel, das Resultat multipliziere mit 0,038. Damit erhältst du den Lochdurchmesser. Ein einfaches Beispiel: Die Bildweite ist 100mm. Wurzel ist 10, multipliziert mit 0,038 ergibt 0,38 oder aufgerundet 0,4mm für den Lochdurchmesser. Im Internet sind überall Tabellen im Umlauf, sie unterscheiden sich nicht stark.

Wie gehen Sie vor, um die Belichtungszeit zu bestimmen?

Meistens nach Gefühl. Manchmal stelle ich wilde Berechnungen an, doch wenn ich fotografiere, verlasse ich mich meist auf das Bauchgefühl. Natürlich kann man die Zeit berechnen: Arbeitet man mit einem Belichtungsmesser (es kann auch die Belichtungsautomatik einer Kamera sein), benötigt man die Blendenöffnung der Lochkamera.

Es ist besser in diesem Zusammenhang von der Lichtstärke zu sprechen, denn bei der Lochkamera kann man die Blendenöffnung nicht frei wählen. Die Lichtstärke ist die einzige und gleichzeitig grösste Blendenöffnung der Kamera.

Die Lichtstärke wird in einer Zahl ausgedrückt, sie beschreibt das Verhältnis zwischen Öffnungsdurchmesser und Bildweite. Sie sagt aus, wie oft der Öffungsdurchmesser in der Bildweite Platz hat.

Bleiben wir beim Beispiel oben, mit dem wir den Durchmesser bestimmt haben, also 100mm Bildweite und Teilen 100 durch 0,4mm. Das Resultat ist 250. Die Lichtstärke beträgt also 1:250. Diese Zahl kann man in die erweiterte Blendenreihe einordnen: 1 1,4 2 2,8 4 5,6 8 11 16 22 32 45 64 90 128 180 256 bzw. 250 . Nun kann man die Zeit der Lochkamera mit einer Lichtstärke von 1:250 ausgehend von einer Messung z.B. mit Blende 22 hochrechnen.

Erschwerend bei der Rechnerei kommt dazu, dass der Schwarzschildeffekt in der Lochkamerafotografie, besonders bei geringen Lichtmengen und langen Belichtungszeiten, eine entscheidende Rolle spielt. Sind die errechneten Zeiten länger als ca. 10 Sekunden, wirkt er sich aus (die errechnete Zeiten führt zu einer Unterbelichtung). Dafür verweise ich auf die Erklärung der Zusammenhänge in meiner Publikation «Die Lochkamere, Funktion und Selbtsbau» erschienen bei Lindemanns Verlag Stuttgart (leider vergriffen aber immer noch auf verschlungenen Wegen erhältlich). Und natürlich gibt es Tabellen im Internet, die man zur Kompensation des Schwarzschildeffekts konsultieren kann.

Die meisten Lochkamerafotografen, die ich kenne, rechnen nicht. Nach ein zwei Filmen weiss man grob, was man tun muss, und geht der Nase nach. Diese technischen Hinweise beziehen sich ausschliesslich auf die «nasse» Fotografie. Baut man eine Lochkamera vor einer elektronischen Rückwand, sieht wahrscheinlich vieles anders aus, besonders wenn man mit geringen Lichtmengen fotografiert. Aber dazu kann ich mich mangels Erfahrung nicht äussern.

Esztergom

Als Tourist in Esztergom. Foto: Peter Olpe

Sie haben gesagt, Sie wollten den Beweis erbringen, dass Lochkameras aus Ihrer Werkstatt genauso Leistungsfähig sein könnten, wie Kameras von Nikon, Leica oder Hasselblad. Haben Sie dies geschafft und in welcher Form liegt der Beweis vor?

In den späten Neunzigerjahren hatte ich zwei Kameramodelle, für die Formate 6×9 und 6×6 als Selbstbau-Kameras aus vorgestanzten Wellkartonteilen, in Auflagen von mehreren tausend Stück, herausgebracht. Sie verkauften sich gut in Museumsshops in der Schweiz und im Versandhandel. Ich betrieb während etwa drei Jahren, zusammen mit meiner Frau, eine keine Kameraproduktion. Die Bastelsets wurden von einer Behindertenwerkstatt zusammengestellt, die Löcher wurden von einem Betrieb im Schwarzwald gelasert und ab und zu flogen unsere Apparate nach Japan und die USA. Ich nehme an, ich war keine wirkliche Konkurrenz für Nikon und Hasselblad. Aber immerhin sah ich einmal unsere Kamera auf dem Regal von B&H Photo an der 9. Strasse in New York neben anderen Mittelformatkameras stehen und dachte mir, was die können, nämlich Fotobücher produzieren, die unter Beweis stellen, wie toll ihre Kameras in den Händen von Fotografen funktionieren, das kann ich auch. Die Ausstellung in Vevey war dann der Anlass diese Idee wieder aufzugreifen. Ich benutzte aber nicht die alten Serienmodelle dafür, sondern bot Fotografen und Künstlern an, eine individuelle Kamera nach ihren Wünschen zu bauen, die sie behalten konnten, wenn ich die Bilder, die sie mit ihr aufgenommen hatten, in meinem Buch zeigen durfte.

Ob man nun die Leistungsfähigkeit einer Lochkamera aus Graukarton und leimgetränkter Verbandsgaze nach den gleichen Kriterien beurteilen kann wie ein aktuelles Hightechprodukt aus dem Hause Canon, bezweifle ich. Ich habe aber keine Klagen gehört, dass meine Apparate nicht recht funktioniert hätten. Es gab auch nicht viel an ihnen, was nicht hätte funktionieren können.

Die Lochkameras von Peter Olpe dokumentiert das Schweizer Kameramuseum Vevey in diesem PDF.

Das Buch und die Ausstellung «Out of Focus» sind auch noch einmal Thema im Teil 3. Dran bleiben!

4 thoughts on “Glücklich auch ohne viele Berechnungen – Peter Olpe im Interview zum 14. Lochkamera-Fotografietag (2/3)

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